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Wie reduziert man den Stau ohne Ausbau des Nationalstrassennetzes?

Blogserie zu mehr Verkehrssicherheit und Verkehrsqualität (Teil 4/7).


In unserer mehrteiligen Blogserie beleuchten wir die Entwicklung der Schweizer Nationalstrassen in Bezug auf die Systemarchitektur Schweiz (SA-CH) sowie Verkehrsmanagement und zeigen dabei die Erfahrung von Eraneos Group in diesen Themen schrittweise auf. Im vorliegenden vierten Teil zeigen wir auf, wie mit dem smarten Einsatz von Verkehrsmanagement-Anlagen Staus reduziert werden können, ohne das Nationalstrassennetz auszubauen.

Wer Auto fährt, hat ihn erlebt: den unangenehmen Stau auf dem Heimweg nach der Arbeit oder bei einem Ausflug an einem nicht-mehr-ganz-entspannten Wochenende.

Auf den Schweizer Nationalstrassen gibt es täglich Staus auf vielen Strecken. Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) hat zum Ziel, die Staustunden kontinuierlich zu reduzieren. Genau genommen sollen die jährlichen Staustunden auf Nationalstrassen bis 2030 um 25% gegenüber 2015 reduziert werden.


Um die Verkehrsüberlastungen zu beseitigen, werden die Nationalstrassen punktuell und gezielt ausgebaut – solche Projekte sind jedoch teuer, benötigen viele Ressourcen, dauern sehr lange und sind auch aus ökologischer Hinsicht nicht die präferierte Massnahme. Verkehrsmanagement-Massnahmen können dem Stau ebenfalls entgegenwirken und sind schneller umsetzbar. Solche realisiert das ASTRA deshalb aktuell auf der Schweizer Strasseninfrastruktur auf belasteten Teilstrecken und weitet diese in den nächsten Jahren auf weiteren Strecken aus.


In diesem Blog-Artikel vertiefen wir drei Massnahmen, welche schweizweit umgesetzt werden und für die Fahrer zu einer spürbaren Verbesserung der Verkehrssituation führen sollen. Dabei handelt es sich um die sogenannte


  • Geschwindigkeitsharmonisierung und Gefahrenwarnung (GHGW),
  • Rampendosierung (RaDo) und
  • Pannenstreifenumnutzung (PUN).

Abbildung 1: Flüssiger Verkehr dank intelligenter Anpassung der signalisierten Geschwindigkeit Geschwindigkeitsharmonisierung und Gefahrenwarnung (GHGW)
Was ist Geschwindigkeitsharmonisierung und Gefahrenwarnung (GHGW)?

GHGW ist eine Verkehrsmanagement-Massnahme, um bei hoher Verkehrs-
belastung die Staubildung zu verzögern und die Sicherheit auf der Strasse zu erhöhen.


Die Geschwindigkeitsharmonisierung (GH) reduziert mittels dynamischer Signale (zum Beispiel durch eine Umstellung der Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h auf 80 km/h) die Geschwindigkeitsdifferenzen der Fahrzeuge. Diese Differenzen (zum Beispiel zwischen einem Auto und einem Lastwagen) können bei dichtem Verkehr zu Handorgel-Effekten führen. Wenn alle Fahrzeuge gleich schnell fahren, verbessert sich der Verkehrsfluss. Es hat sich zudem herausgestellt, dass eine Nationalstrasse bei einer Verkehrsgeschwindigkeit von 80 km/h die meisten Fahrzeuge pro Minute aufnehmen kann.


Die Gefahrenwarnung (GW) informiert die Fahrer rechtzeitig über kommende Gefahren auf der Strasse, wie zum Beispiel ein Stau, ein Unfall, eine Baustelle oder Schleudergefahr bei Nässe oder Glatteis.


Im folgenden Beispiel beleuchten wir, wie die Systeme zusammenspielen:

Sobald auf einem Streckenabschnitt der Verkehr sehr dicht rollt und Stau droht, wird dies durch Sensoren mittels Verkehrsdatenerfassung (VD) auf der Strecke erkannt. Ohne Änderung und somit Lenkung des Verkehrs, würde es zu Stau führen. Deshalb wird schrittweise die Geschwindigkeit reduziert und zeitgleich eine Stauwarnung signalisiert, was die Akzeptanz der Geschwindigkeitsreduktion bei den Verkehrsteilnehmenden verbessert.

Was ist RaDo (Rampendosierung)?

RaDo ist eine Verkehrsmanagement-Massnahme, um den Verkehr auf der Nationalstrasse bei Einfahrten möglichst flüssig zu erhalten. Jede*r ist dieser Situation auf der Nationalstrasse schon begegnet: Wenn zu viele Fahrzeuge einfädeln wollen, kommt es zu stockendem Verkehr oder sogar zu Stau. Mittels einer Ampel an der Auffahrts-

spur wird die Einfahrt der Fahrzeuge in die Nationalstrasse dosiert und Stau reduziert bzw. vermieden, weil regelmässige Abstände zwischen den einfahrenden Fahrzeugen geschaffen werden. Durch diese Dosierung der Fahrzeuge wird auch die Verkehrssicherheit erhöht.

Was ist PUN (Pannenstreifenumnutzung)?

PUN ist eine weitere Verkehrsmanagement-Massnahme, um bei hoher Verkehrsbelastung den Verkehrsfluss und die -sicherheit zu verbessern. Dafür werden auf den Nationalstrassen (Überkopf-)Signale aufgeschaltet, die den Autofahrer*innen anzeigen, ob sie den Pannenstreifen befahren dürfen. Der Verkehr verteilt sich somit zum Beispiel von zwei auf drei Spuren, und das Staurisiko und damit das Risiko eines Unfalls wird geringer.


Auf den Schweizer Nationalstrassen gibt es permanente PUN, bei denen die Fahrt auf dem Pannenstreifen jederzeit erlaubt ist, sowie temporäre PUN, bei der die Freigabe verkehrsabhängig gesteuert wird.

Abbildung 2: Geplante Massnahmen Road-Map VM-CH. Quelle: ASTRA Fachtagung 19.10.21, Paolo Maltese / Philippe Schär
Wo sind diese Massnahmen bereits im Einsatz, und wo sind sie geplant?

GHGW sind bereits auf über 300 km des Nationalstrassennetzes im Einsatz. Beispielsweise auf dem Abschnitt zwischen Muri und Thun-Nord.


RaDo kennt man als Fahrer teilweise schon bei Baustellen, wo man den Verkehr dosiert durchlässt. Permanent kommt die Massnahme RaDo mit Ampeln in Fahrt-

richtung Bern beispielsweise beim Anschluss Kirchberg im Kanton Bern zum Einsatz.


In der Westschweiz wurde PUN ab 2010 zwischen Morges-Est und Ecublens pilotiert. Heute kann man dort die Fahrt auf einem freigegebenem Pannenstreifen erleben.


ASTRA plant, diese Massnahmen weiter auszubauen. Dabei wird die Filiale Winterthur der Behörde von Eraneos Group bei der Definition von Projekten im Rahmen der Roadmap VM-CH unterstützt. Diese sieht vor, GHGW, RaDo und PUN in zwei Etappen (2026 und 2029) zu realisieren, und zwar in folgenden Gebieten:

Fazit

In den nächsten Jahren werden wir als Fahrer*innen oder Mitfahrer*innen auf den Schweizer Nationalstrassen vermehrt neue Anlagen antreffen, die nebst dem generellen Verkehrsfluss auch unsere Fahrweise beeinflussen werden.


Für gewisse Personen sind diese bereits seit längerem Teil des Alltags – andere werden sich an das Fahren auf dem Pannenstreifen, dem Stopp bei einer Ampel an einer Nationalstrasseneinfahrt oder das temporäre Fahren mit 80 km/h auf der Nationalstrasse erst noch gewöhnen müssen. Man darf aber behaupten, dass lieber mit 80 km/h gefahren als in einem Stau gestanden wird.


Letztlich geht es darum, mit diesen Massnahmen die bestehende Nationalstrassenfläche besser auszunutzen. Auch wenn die Massnahmen auf stark befahrenen Abschnitten den Ausbau der Nationalstrassen um weitere Fahrspuren nicht ersetzt, können diese teuren und langfristigen Projekte zielgerichtet hinauszögert werden. Man spricht hier auch von Intelligenz der Nationalstrasse - statt Beton.

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